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hans rudolph herren
Hans Rudolf Herren
Kalifornien

Agrarforscher

Gründer und Präsident der Stiftung Biovision.
Träger des Right Livelihood Awards (Alternativer Nobelpreis)

Biodiversität ist elementar für die Ernährung der Menschheit

Brüchig geworden ist die biologische Basis für unsere Ernährung. Mehr als 10.000 Nahrungspflanzen hat die Menschheit über die Jahrtausende hinweg genutzt, heute sind es lediglich noch um die 150, und die wenigen noch angebauten Nahrungspflanzen gleichen sich immer mehr. 12 Arten steuern 80 Prozent zur pflanzlichen Nahrungsmittelproduktion bei.
Der enorme Sortenreichtum, den die Bauerinnen und Bauern durch Anbau und Zucht unter unterschiedlichsten Bedingungen hervorgebracht haben, schrumpfte parallel zum Siegeszug weniger weltweit verwendeter Hochertragssorten. Schätzungsweise 75 Prozent aller Nutzpflanzensorten sind bereits von den Äckern der Erde verschwunden.

Ebenfalls rasant schrumpft die biologische Basis der Tierhaltung. Seit 1900 sind weltweit rund 1.000 Nutztierrassen für immer verschwunden. Wo nur noch auf maximale Produktion gesetzt wird, gehen wertvolle Merkmale verloren – wie zum Beispiel die Eigenschaft, Hitze oder Kälte zu ertragen, mit wenig Wasser oder minderwertigem Futter auszukommen.

Die Ernährungssicherheit hängt aber nicht allein von den Nutzpflanzen und -tieren ab. Um in die Kulturpflanzen neue Eigenschaften einzukreuzen, greift die Zucht auch auf deren wilde Verwandte zurück. Das tat man zum Beispiel bei der Hirse. Ein Virus kann bei ihr massive Schäden anrichten. Züchtungsforscher haben in einer wildlebenden Gerstenart ein Resistenz-Gen gegen das Virus gefunden. Dieses wurde durch Einkreuzung in die Kulturgerste übertragen. Das Ergebnis ist eine neue Sorte, die dem Krankheitserreger Paroli bietet.

tanja wallnöfer
Tania Wallnöfer
Trafoi

Eigentümerin Garni Interski

Herbst. – Den Klang der Schafschellen immer im Ohr, den Blick auf den Boden gerichtet, den Spuren der Schafe folgend, den  Aufstieg fortsetzen.
Ich selbst. – Nicht nur Zeuge, sondern auch Teil der Natur. Schwarze Flügel über dem Tierkadaver. Fichtennadeln im Kragen und der Stein im Schuh.
Zu Hause. – Ein noch warmes Hühnerei aus dem Hühnerstall in Kinderhand.

anna gruber
Anna Gruber
St. Pankraz

Mama, Kindergärtnerin, Fotografin, Grafikerin, Bäuerin

Arteinreichtum und Sortenvielfalt lassen immer wieder staunen. Farbspiele und Formenfindung der Natur sind unvergleichlich – der Mensch kann nur Nachahmer sein. Jeder Versuch sich künstlerisch zu betätigen, kreativ zu sein, Neues zu schaffen, gelingt nur durch die Natur: Wir lernen von ihr, holen uns die so dringend nötige Inspiration, finden Orte der Muse. Weshalb sollten wir also jegliche Unterschiede nivellieren, angleichen und regulieren? Der Erhalt der Vielfalt ist ein wichtiges, ja nötiges Ziel unserer Gesellschaft.

mirjam loch
Mirjam Loch
Frankfurt am Main

Setzerin

Zu Gast in Lontano

Eine Berglandschaft, ihre majestätischen Gipfel, ihre kühle Erhabenheit, ist, so sagen wir, angetan, uns Schönheit vor Augen zu führen und Respekt zu wecken. Wir können das auch hörend erleben:

Ein vager, ferner Flötenton, nicht klagend, nichts sagend, nach und nach stimmen die anderen Instrumente ein, nähern sich – der Kanon des Orchesters schwillt wellenförmig an, umfängt Sie mit Nebel oder tiefhängenden Wolken, nur zeitlupenartige Bewegung zulassend, und fällt dann jäh ab – endet aber nicht, diese fremde Landschaft aus Tönen, sondern baut sich wieder auf, mehrfach, undurchdringlich, fremd und schön, einzelne Stimmen treten hervor, flirrende Geigen, ein hohes Pfeifen, ein dunkler Bass – Sie möchten tiefer hinein, herausfinden, wo Sie sind … eine Traumlandschaft, ein anderer Stern, ein tropischer Regenwald? Sie wecken Sehnsucht, diese Laute aus einer intakten Welt, die für sich existiert, unberührt, ohne Misstöne, und die schließlich ausklingen in einem langen Ton der Bläser und Bässe zu vollkommener Stille.
Sie bleiben zurück, dankbar für das Erlebnis, dass Musik eine faszinierende Landschaft sein kann.
György Ligeti: Lontano (1967) für großes Orchester, ca. 11 Min.

friedrich haring
Friedrich Haring
Hall in Tirol/Taufers im Münstertal

Kulturschaffender, Journalist, Freigeist

Der Plunder von Mals

Liebhabern von Süßem ist das Plundergebäck vertraut. Der Plunder von Mals ist jedoch von einer etwas anderen Zusammensetzung. Es ist eine Mischung verschiedenster Mehlsorten und Gewürzen, zubereitet in einer ganz besonderen Art, die fast nur im oberen Vinschgau bekannt und beheimatet ist. Die Zubereitung des Malser Plunders erfolgt nach einem genauen Rezept, das sogar aus Andreas Hofers Zeiten kommen soll und wie manche meinen noch von der französischen Revolution herrühre. Wie bereitet man einen Malser Plunder zu?

Man nehme das in Mals angebaute Pertingmehl, das in Mals jede Woche am Glückh-Platz gemahlen wird und nur nach Vorbestellung an Liebhaber des Malser Plunders geschickt wird. Um einen ordentlichen Plunder zu machen braucht es sieben Kilo Pertingmehl, pestizidfrei selbstverständlich. Dazu ein ordentlicher Hafen voll Gasserwasser. Würzen mit Laatscher Salz von der Firma BIO-BEA. Das Ganze dann ein paar Monate ziehen lassen bis der Plunderteig Bläschen zieht und dann explodiert. Das Explodieren ist wichtig, damit die dazu kommenden Kräuter und Gewürze ihren Geschmack voll entfalten können. Dazu muss der Teig dann in alte Leintücher gewickelt werden und an der Hausmauer oder einem anderen gut einsehbaren Platz aufgehängt werden, am besten bei Oberwind oder noch besser bei Hollawint. Wenn der Teig ordentlich ausgehangen ist, beginnt das Würzen, das einer besonderen Kunst bedarf, aber doch mit großem Gefühl gemacht werden muss. Die wichtigsten und seltensten Kräuter, die an Plätzen wachsen, die nur der gelernte Obervinschger kennt ist die Ägidiusnuss und das Agethlerkraut. Das bekannte Schulersalz, das eher im unteren Vinschgau und in der Bozner Gegend gefunden werden kann, verleiht dem Plunderteig die nötige Festigkeit und unterstützt das schöne Aufgehen des Teiges. Es soll jedoch nicht mit dem Rinner- oder Tiefenthalerpulver vermischt werden, da sonst der Teig einen üblen Geschmack bekommt und der Malser Plunder leicht schimmlig wird. Bevor der Teig in den Ofen geschiebelt wird, soll er mit Laatscher Malablättern bestreut werden. Dadurch wird er knusprig und bekommt ein schmackhaftes Aussehen. Auf einem belgischen Butterpapier duftet der Plunder leicht brüsselig, aber er bleibt saftig und brennt PAN backen nicht so leicht an. Den Verachtern des Malser Plunders ist dieses Gebäck ein Gräuel und man hat sogar versucht diese Obervinschger Spezialität gerichtlich verbieten zu lassen, da sie angeblich wie eine Droge wirke, das Volk davon leicht abhängig werden könne und einen gesundheitsgefährdenden Veithstanz auslösen würde. Manchen Gegnern kam sogar das Kotzen von diesem, wie sie meinen, grauslichen Gemisch. Genießer bezeichnen den Malser Plunder jedoch als ein appetitanregendes Genussmittel, das sogar demokratisch belebend wirkt. Freunde des Malser Plunders, die im Fernsehen oder im Internet von diesem erfahren haben, fragen aus der ganzen Welt nach dem Rezept, weil sie diese Leckerei auch in den eigenen Herkunftsländern zubereiten wollen. Man überlegt wegen der großen Nachfrage den Malser Plunder in Brüsseler Spitzen verpackt in alle Welt zu exportieren. Wegen Nebenwirkungen fragen sie am besten ihren Apotheker.

romano paginini
Romano Paganini
Abya Yala

Journalist & Gärtner

Gutenachtgeschichte

Ist die Rede von Krieg
Höre ich dem Frieden zu
Fressen die Kühe Sojamehl
Säe ich Mais und Kürbisse
Habe ich kein Geld
Beginne ich zu tauschen
 
Schlägt mich meine Konkurrentin 
Gratuliere ich ihr
Schlägt mich mein Mann
Gehe ich in mich
Schlägt er mich zwei Mal
Gehe ich weg
 
Spricht alles übers Handy
Spreche ich mit meinem Nachbarn
Gehört dieser zu allen
Lausche ich Spatzen und Eulen
Treffen Bomben mein Wohnzimmer
Schalte ich um oder ab
 
Fällt der Strom aus
Zünde ich eine Kerze an
Wird das Gas knapp
Gehe ich Holz sammeln
Wird das Holz knapp
Pflanze ich Bäume
 
Habe ich keine Hoffnung
Beginne ich zu vertrauen
Habe ich kein Vertrauen
Beginne ich zu atmen
Verlässt mich der Atem
Verlasse ich den Körper
 
Schreit mein Kind
Still' ich es
Schreit es weiter
Wieg' ich es
Und hörts nicht auf
Beginne ich zu singen
 
Streite ich mit meinem Mann
Tue ich das nicht im Haus
Kommts zur Explosion 
Verzeih' ich ihm 
Bleibt er taub
Sehen wir Morgen weiter
 
Denn wenn es dunkel wird
Und die Erde abkühlt
Ist es Zeit ruhig zu werden
Körper und Geist sein zu lassen
Sich dem Puls der Nacht hinzugeben
 
Ohne dabei Fragen zu stellen

ute scheub
Dr. Ute Scheub
Berlin

Autorin

Meine Malser Seelenlandschaft

Mals ist zum Verlieben. Da die Malser viele Flächen vor dem pestizidintensiven Obstbau retteten, liegt es in
einer Seelenlandschaft, die schöner nicht sein könnte. Ein Gemälde in blattgrün und azurblau, mit knorzigen Holzhäusern, artenreichen Wiesen, überquellenden Gärten, durchzogen von der eiligen Etsch, überdacht vom Schneeweiß der Berge. Auf die Dreitausender will kein Pestizidspritzer, zum Glück, sonst würden die vielleicht schon in giftgelb leuchten.

Ich wünsche mir, dass sich diese gesunden Landschaften ausbreiten dürfen im ganzen Vinschgau, im ganzen Südtirol, in ganz Europa, in der ganzen Welt. Denn wir benötigen sie so dringend. Die Regenerationskraft der Natur ist gewaltig, wir brauchen sie nur unterstützen. Wir brauchen ihr nur mittels regenerativer Agrikultur den Raum zurückgeben auf Äckern, Wiesen und Wäldern, dann geht ihre artenreiche Saat wieder auf und die Monokultur zurück, seltene Pflanzen kehren wieder, sogar ausgestorben geglaubte Tiere, das regenerierte Bodenleben mit seinen Billionen Bakterien, Algen und Pilzen lässt neue Kraft ins Kraut schießen. Das schafft Erholungslandschaften mit Ökolandbau und Ökotourismus, und die Menschenskinder gesunden. Vielleicht auch diejenigen, die immer wieder mit dummen Kampagnen die Malser Giftfreiheit stoppen wollen.

Ihr letztes Buch, „Die Humusrevolution – wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen“ wurde im Oktober 2017 mit dem Salus-Medienpreis ausgezeichnet.

nouschka meinema
Nouschka Meinema
Bolzano

My stunning yet steep walk to work, from Bolzano city center to the hills where the Magdalena vinyards are located. A breathtaking view of the ´Rosegarden´ in the distance. The colours & scents, the variety of plants, flowers and trees along the way, throughout the four seasons, are an absolute joy to my senses and help overcome the agony of the steepness of the road up. It is the physical part taking in nature that gives me the kick and the sense of being here and now fully alive!

Bild
Hans Heiss
Brixen

Historiker und Politiker

Landschaft, versehrt und verzehrt – hier im Riggertal bei Neustift

Landschaft ist das eindrücklichste Kunstwerk, das wir kennen: Gebildet durch Naturräume, Erosion, Wasser, Wind und Klima, geformt von menschlichem Einsatz, genutzt durch Arbeit von Menschen, Tieren und Maschinen. Von der Alm bis zum Wattenmeer, vom polaren Eisberg bis zur Streuobstwiese ist Landschaft Produkt und Spiegel von Menschen und ihrer Gesellschaften. Sie schafft Identitäten und prägt sie aus – oft unmerklich, dafür mit umso größerem Nachdruck.
Die Zerstörung und Verformung von Landschaften ist in Südtirol weit gediehen: In 14 Jahren politischer Arbeit habe ich gesehen, wie Landstriche verschwinden, versiegelt und verbaut werden, als Deponieflächen genutzt und all dies – makaber genug – oft ohne Ausdruck des Bedauerns. Das (Selbst)Lob Südtirols als Sehnsuchtsland der Alpen ist ein großes Stück Lebenslüge. Übernutzung und artifizielle Umgestaltung werden medial verkauft als notwendiger Tribut an unseren Wohlstand.
Das Riggertal nördlich von Brixen, hier in einem Bild von 2006, ist heute eine Deponiefläche, der urtümliche, kaum verbaute Einschnitt, den der Eisack aufgeweitet hat, ist angefüllt mit den Exkrementen des Brennerbasistunnels. So wie hier dreht sich die Mühle der Umgestaltung, Unbehagen und Unruhe sind spürbar, aber ohne sichtbare Reaktion. Noch, denn vielleicht kommt der Schock, der den Umkehrschub auslöst.